Eine ganz prägende Erfahrung, die ich im Laufe meiner „Mennonitenzeit“ gemacht habe, war folgende: Der Zweifel ist böse. Es gibt bestimmte Hinweise in der Bibel, die diesen Gedanken in einer Gewissen Art und Weise unterstützen, dennoch war mir eigentlich immer klar, dass es so einfach nicht ist. Auf inhaltliche Feinheiten dieses Begriffes möchte ich jedoch keine Rücksicht nehmen, da es mir um etwas anderes geht, das auch schon in einem vorrangegangenen Artikel angerissen wurde (Kann es sein, dass (russlanddeutsche) Mennoniten totalitär denken?).
Ich behaupte, dass der Mensch ein Zweifler ist, ja sogar ein Zweifler sein muss. Die Welt, wie sie sich uns darstellt, erscheint oft uneindeutig und schwammig. Um weiterhin entscheiden zu können, muss diese Unsicherheit reduziert werden. Andersherum könnte man es Sicherheit nennen. Deswegen strebt ein jeder nach Sicherheit. Sicherheit als Begriff ist jedoch ein sehr weiter Begriff, weswegen er vielleicht etwas unnütz ist, aber ich meine damit ungefähr folgendes: ein Rückzugspunkt, an dem man seine Masken fallen lassen kann, an dem man das Gefühl der Geborgenheit spüren kann, egal was man tut. Klassische Beispiele für Sicherheitsgefühle können Liebe, Macht, Geld, Glaube etc. sein.
Meine Erfahrung, auf die ich eingangs hingewiesen habe, war nun folgende: die Abwesenheit der Empfindung von Sicherheit wurde als Zweifel ausgelegt, demzufolge als böse (alleine hier wird schon ein logischer Fehler begangen). In einem Abwasch wurden jedoch verschiedene Arten des Zweifels abgetan: der intellektuelle Zweifel, der fragende Zweifel, wie auch der Zweifel, der die Abwesenheit von Sicherheit vermuten lässt. Der Zweifel wurde sozusagen moralisiert. Einen „moralinfreien“ Zweifel gab es nicht. Das hat einige Konsequenzen, die in ihrer Reichweite unterschiedlich sind. Einerseits hat es die Konsequenz, dass der Einzelne versucht, seine Zweifel, nicht jedoch seine Unsicherheit, zu minimieren, um sich sozusagen abzusichern. Das darf ja jeder halten, wie er möchte, andererseits hat es die Konsequenz, dass der fruchtbare, der moralinfreie Zweifel praktisch „verboten“ werden. Dieses Denkverbot führt nun dahin, dass der, der eine Ansicht, eine Entscheidung, was auch immer anzweifelt, sofort unter Generalverdacht steht, nicht nur diese eine Entscheidung anzuzweifeln, sondern das er ein grundsätzliches Problem hat. Der Zweifel ist sozusagen eine Art Indikator für einen „Fehler“ des Zweifelnden. Mit diesem Denkverbot wird nun keine Unsicherheit reduziert, sondern eine angemessene Art auf Unsicherheiten zu reagieren, verboten. Der Denkprozess, der eigentlich an dieser Stelle einsetzen sollte, wird vorher abgebunden. Das führt entweder zu Ignoranz oder noch mehr Unsicherheit, denn wenn die herkömmlichen Ideen und Ansichten nicht ausreichend überzeugen, was bleibt dem Einzelnen dann?
Viel Spaß beim darüber nachdenken!

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