Die „Welt“ hält in mennonitischen Kreisen eine lange Tradition als Synonym für ein lasterhaftes Leben, einen lustorientierten, gottlosen Lebenswandel. Kein Wunder, denn der Bibelfeste weiß, daß die Heilige Schrift den Nachfolger Jesu als in einer bedrohlichen, ungläubigen Welt stehend begreift.
Bei den Russlandmennoniten verquickt sich aber der Kulturschock, den sie in der neuen alten Heimat erleiden, mit der Vorstellung eines gottgefälligen Lebens auf unheilvolle Weise.
Sie hatten und haben in der Tat viel zu erleiden. Im kommunistischen Rußland wurden sie aufgrund ihrer Nationalität und vor allem wegen ihres christlichen Glaubens angefeindet. sie kehren zurück ins „Land der Väter“ – Deutschland –, und begegnen ähnlichen Problemen: Sie werden als Rußlanddeutsche nicht akzeptiert, ihre radikale Auslegung der Bibel trifft auf Spott und Unverständnis. Röcke, Zöpfe, Kopftücher, patriarchale Familienstrukturen vertragen sich eben schlecht mit modeorientierter Kleidung, einer liberalen Sexualmoral und dem Recht auf Selbstbestimmung.
Das Fremdsein im eigenen Land befeuert die eigene Tradition und führt zum stärkeren Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Das kennt man schon seit Jahrhunderten aus der Wahlheimat Rußland. Die Andersartigkeit der hiesigen Kultur und der durch sie folgerichtig entstandene Argwohn prägte das Bibelverständnis. Wenn in der Bibel steht: „Die Welt wird euch hassen“ so projiziert der Mennonit in diese Aussage seine Erfahrungen, die er hier in Deutschland als Einwanderer gemacht hat. All seine Kulturkonflikte, all seine moralischen Konflikte mit dem hiesigen Lebensstil machen vor dem Hintergrund des Bibelwortes plötzlich Sinn, d.h. sie werden deutbar. Und schon sieht er sich nicht mehr mit der Hinterfragung seiner Vorstellungen und Überzeugungen konfrontiert, sondern er kann alle Zweifel an der eigenen Existenz getrost beiseite schieben. Schließlich gibt es für ihn kein Integrationsproblem mehr, des Mennoniten augenfällige Andersartigkeit in Deutschland resultiert für ihn einfach daher, daß das „Land seiner Väter“ nur mehr voller Ungläubiger steckt, die nach ihren gottlosen Trieben leben. Er selbst jedoch kommt aus einer „reinen“ Kultur, wo man „noch Werte“ hat. Alles ist geklärt: Er kam in ein Deutschland, das im Werteverfall begriffen ist. DAHER also dieser Kulturschock!
Halten wir fest: Der Mennonit braucht diese Abgrenzung, um seine Angst vor der fremden hiesigen Kultur zu dämpfen. Er verteufelt sie, um seine Integrationsunwilligkeit zu legitimieren und weiter den innermennonitischen Konsens zu stärken.
Es kommt aber ein Problem auf. Was ist mit den Christen in Deutschland, die sich äußerlich nicht von ihren Mitmenschen unterscheiden? Die scheinbar „alles mitmachen“? Die aber auch alles glauben wollen, was in der Bibel steht? Der Bibel, die die „Welt“ so geißelt? Nach kurzer Bibellektüre wird auch dieses Problem in den eigenen Verstehenshorizont integriert und erklärbar gemacht. Diese „anderen“ Christen, sie sind selbstverständlich „lau geworden“, „haben die Welt liebgewonnen“. Ach so? Ja so. Mit Integrationsunfähigkeit und kulturellen Konflikten hat das alles doch nichts zu tun, oder?

Ein gelungener Ansatz zur Darstellung von Ursachen, die das Verhältnis von Mennoniten zur "Welt" bestimmen. Interessante Aspekte...
AntwortenLöschenSicher eine interessante Betrachtung des Mennonitischen Weltbildes.
AntwortenLöschenDer Autor könnte jedoch genauer auf die Integrationsunfähigkeit eingehen und diese erläutern. z.B. Was beinhaltet eine gelungene Integration? Doch nicht das aneignen der liberalen Sexualmoral, oder?
Genauso die Selbstbestimmung. Wie weit geht sie? Wie kann man sie in Einklang mit der Christusnachfolge bringen in der man erst wirklich Frei sein kann? (Jesus sagt: Ich tue das was der Vater mir sagt) Gibt es eine Selbstbestimmung? Denn da der Mensch von Grund auf Böse ist, ist er von Anfang an ein Sklave Satans. Er ist also nie Frei das zu tun was er will. (Geist ist willig, Fleisch ist schwach)
Das waren ein paar kleine Denkanstöße
Hm, äh, natürlich geht es nicht um das "Aneignen der liberalen Sexualmoral"=D=D=D...es geht doch um Integration allgemein. Ich meine, "liberalen Sexualmoral" dient als Beispiel, an dem die Unterschiede zwischen mennonitschen Kreisen und der hiesigen Kultur ganz offensichtlich sind;)
AntwortenLöschenWas "Selbstbestimmung" angeht, muss man den Autor natürlich fragen, was er damit gemeint hat. Er bezieht diesen Aspekt wohl eher auf die mennonitische Tradition als auf "Christusnachfolge"...
Vortreffliche Analyse des kulturellen Raumes in dem wir uns als Gemeinde befinden.
AntwortenLöschenDas mit den Patriarchalen Strukturen finde ich aber gar nicht so schlecht, weil ich selber Vater einer liebevollen "Kleinfalilie" bin und ich finde: Es funktioniert großartig. Das sollte sich nicht ändern. Vl. Bin ich ja auch nicht soooo patriarchisch. ;-)
Wenn man jedoch die Entwicklung der beruflichen Situation vieler jüngerer Mtglieder anschaut, geht die Integration auf diesem Gebiet gut voran. Integration ist ja nicht kulturelle Assimilation.
gezeichnet
Der Patriarch