Mittwoch, 28. Oktober 2009

Der Geist der Kritik

Oftmals wurde der sogenannte Geist der Kritik bemüht, welcher besagt, dass Kritk jeglicher Form, außer in den erlauchten Zirkeln des Mitarbeiterkreises – und selbst da nicht, ein Produkt der Hölle sei. Diese lächerliche Form der Autoimmunisierung ist so billig, das einem Außenstehenden eigentlich die Spucke wegbleiben müsste. Das Thema Denkverbote wurde ja bereits angesprochen, hier sei dem Wörtchen ein etwas weiterer Kontext hinzugefügt. 


Wir kann man nur so dämlich sein und denken, dass ein Verbot von Kritik die Umstände, in denen diese entstanden ist, bessern würde? (frei nach dem Motto: die Liebe bedeckt der Sünden Menge) Das geht nur mittels eines Denktricks, den viele internalisiert haben: es wird automatisch davon ausgegangen, dass der Kritikübende falsch liegt und falsch liegen muss, denn: er würde ja sonst nichts kritisieren. Ein schöner Zirkel übrigens, etwas verstäbdlicher formuliert heißt es ja nur: der Kritiker ist falsch, weil das kritisieren falsch ist und deswegen ist der Kritiker falsch. Nebenbei bemerkt, vermute ich, dass denen, die die Kritiker kritisieren, im Prinzip überhaupt nichts an Veränderung liegt.


Einem ehrlichen Menschen müsste an dieser Stelle ganz flau im Magen werden, der aufrechte Mennonit jedoch ist von seiner Gottgläubigkeit und vor allem! seiner Nächstenliebe selbst hierin völlig überzeugt. Für ihn ist es nämlich kein Wiederspruch, zu glauben, dass sein Glaube wahr ist und diese Wahrheit über allen anderen Wahrheiten steht und gleichzeitig möglichst nichts anderes, möglich nichts denselbigen eventuell infragestellenden sich anzuhören. Denn: die Gemeindeleitung, als prägende Kraft des eigenen Glaubens, wird schon irgendwie recht haben, auch wenn vieles auf der Strecke bleibt, wenn vieles auf der Strecke geblieben ist und auf der Strecke bleiben wird, die Gemeindeleitung darf nicht kritisiert werden! Warum das so wichtig ist, weiß ich übrigens garnicht, denn ein demütiger Mensch zeichnet sich ja nicht gerade durch Rechthaberei aus, aber anscheinden ist es aus irgendeinem Grund, sei er auch noch so lächerlich, schrecklich wichtig, dass dies so ist.

Montag, 26. Oktober 2009

Die niedere Lust an der Autorität

Wodurch zeichnet sich der Kleingeist aus? Durch Unterwürfigkeit!

Ein schöner Fall dieser niederen Haltung triff man öfters an. Die Ausdrucksform dieser Einstellung kummuliert in dem Sätzchen: „Der Prediger wird es schon wissen“. Die Denkfäule des Einzelnen und des ganzen Kollektivs stinkt hierin doch zum Himmel – frische Luft! So schleicht der Bückling durch seine Welt und wagt es kaum, seinen Blick über die gebeugten Rücken seiner mit ihm durch das Leben ziehenden zu heben. Wo könnte dieser Blick denn nicht alles hinführen? Wohlmöglich zu einem „bösen“ Gedanken? Oder zu einem ausschweifenden Leben? Bewahre!

Grau in grau

Der einfache Mann weiß garnicht mehr wohin mit seinen Augen, wenn die langen Röcke durch die Straßen wallen. Was könnte sich darunter nicht alles verbergen? Der Phantasie sind hier, aufgrund der fehlenden Anschauung, keine Grenzen gesetzt. Welch eigenen Charme versprühen doch nicht die langen Kleider, welch Essenz der Weiblichkeit! Sie verdecken und lassen erahnen und erhoffen und ersehnen, welch mannigfaltiges Geheimniss sich nicht darunter verbergen könnte. Das einem die Phantasie einem manchmal jedoch einen Streich spielt, sei nur angedeutet.

Samstag, 24. Oktober 2009

Eine kleine Betrachtung zum Thema Spaß und Freude

Eine mir häufig untergekommene Unterscheidung, die gezogen wurde, war die zwischen Spaß und Freude. Diese Unterscheidung wurde teilweise als Rechtfertigung, teilweise als Entschuldigung und teilweise als so selbstverständlich gezogen, dass ein Infragestellen dieser Unterscheidung schon fast ketzerische Züge trug. Während in anderen christlichen Kreisen Spaß und Freude praktisch dasselbe waren, bzw. eine hohe Übereinstimmung hatten, wurde hier scharf unterschieden. Die, wie ich finde, berechtigte Frage lautet nun: warum wird diese Unterscheidung so scharf getroffen?

 

Um einen ersten Ansatzpunkt zur Behandlung dieser Frage zu finden, ist es zunächst wichtig, die Terminologie zu klären. Freude wird als etwas sakrales verstanden, als ein Glaubenszustand, in dem zu leben der Christ berufen ist. Ein Christ soll „Freude die Fülle“ haben. Spaß, in diesem Kontext als Gegenbegriff verstanden, ist nun etwas profanes, etwas weltliches. „Die Heiden haben Spaß, wir aber haben Freude.“ Spaß ist, weil es per definitionem etwas profanes ist, gleich etwas niederes. Somit ist auch klar, dass etwas Sakrales nie Spaß machen kann, denn dadurch würde es „beschmutzt“ und entwürdigt werden. Der Sprachgebrauch in dieser Hinsicht ist sehr eindeutig. An dieser Stelle sieht man, wie Lebensfremd und Lebensverneinend manche Vorstellungen sind.

 

Warum, zum Teufel, sollte das Christsein keinen Spaß machen können?

Freitag, 23. Oktober 2009

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Das kollektive „Wir“ oder: Die Kultur des Schlechten Gewissens

Ein gern genutztes Stilmittel für Moralpredigten, welches ich noch gut aus meiner Mennonitenzeit kenne, ist das kollektive „Wir“. Wenn man in der Kirchenbank saß, Männlein und Weiblein meist klar getrennt, hörte man dieses Wort oft von der Kanzel schallen. „Wir haben uns so weit von Gott entfernt“, sagte der Prediger zum Beispiel. Wir?? Da überkam es mich siedendheiß: Damit bin ja auch ich gemeint!
Die manipulative Kraft dieses „Wir“ ist nicht zu unterschätzen.
Wenn Sie das nächste Mal eine Predigt hören, achten Sie einmal darauf, wie sich unbemerkt mit dem kleinen Wörtchen „wir“ der Generalverdacht einschleicht.

Die Welt

Die „Welt“ hält in mennonitischen Kreisen eine lange Tradition als Synonym für ein lasterhaftes Leben, einen lustorientierten, gottlosen Lebenswandel. Kein Wunder, denn der Bibelfeste weiß, daß die Heilige Schrift den Nachfolger Jesu als in einer bedrohlichen, ungläubigen Welt stehend begreift.

Bei den Russlandmennoniten verquickt sich aber der Kulturschock, den sie in der neuen alten Heimat erleiden, mit der Vorstellung eines gottgefälligen Lebens auf unheilvolle Weise.

Sie hatten und haben in der Tat viel zu erleiden. Im kommunistischen Rußland wurden sie aufgrund ihrer Nationalität und vor allem wegen ihres christlichen Glaubens angefeindet. sie kehren zurück ins „Land der Väter“ – Deutschland –, und begegnen ähnlichen Problemen: Sie werden als Rußlanddeutsche nicht akzeptiert, ihre radikale Auslegung der Bibel trifft auf Spott und Unverständnis. Röcke, Zöpfe, Kopftücher, patriarchale Familienstrukturen vertragen sich eben schlecht mit modeorientierter Kleidung, einer liberalen Sexualmoral und dem Recht auf Selbstbestimmung.

Das Fremdsein im eigenen Land befeuert die eigene Tradition und führt zum stärkeren Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Das kennt man schon seit Jahrhunderten aus der Wahlheimat Rußland. Die Andersartigkeit der hiesigen Kultur und der durch sie folgerichtig entstandene Argwohn prägte das Bibelverständnis. Wenn in der Bibel steht: „Die Welt wird euch hassen“ so projiziert der Mennonit in diese Aussage seine Erfahrungen, die er hier in Deutschland als Einwanderer gemacht hat. All seine Kulturkonflikte, all seine moralischen Konflikte mit dem hiesigen Lebensstil machen vor dem Hintergrund des Bibelwortes plötzlich Sinn, d.h. sie werden deutbar. Und schon sieht er sich nicht mehr mit der Hinterfragung seiner Vorstellungen und Überzeugungen konfrontiert, sondern er kann alle Zweifel an der eigenen Existenz getrost beiseite schieben. Schließlich gibt es für ihn kein Integrationsproblem mehr, des Mennoniten augenfällige Andersartigkeit in Deutschland resultiert für ihn einfach daher, daß das „Land seiner Väter“ nur mehr voller Ungläubiger steckt, die nach ihren gottlosen Trieben leben. Er selbst jedoch kommt aus einer „reinen“ Kultur, wo man „noch Werte“ hat. Alles ist geklärt: Er kam in ein Deutschland, das im Werteverfall begriffen ist. DAHER also dieser Kulturschock!

Halten wir fest: Der Mennonit braucht diese Abgrenzung, um seine Angst vor der fremden hiesigen Kultur zu dämpfen. Er verteufelt sie, um seine Integrationsunwilligkeit zu legitimieren und weiter den innermennonitischen Konsens zu stärken.

Es kommt aber ein Problem auf. Was ist mit den Christen in Deutschland, die sich äußerlich nicht von ihren Mitmenschen unterscheiden? Die scheinbar „alles mitmachen“? Die aber auch alles glauben wollen, was in der Bibel steht? Der Bibel, die die „Welt“ so geißelt? Nach kurzer Bibellektüre wird auch dieses Problem in den eigenen Verstehenshorizont integriert und erklärbar gemacht. Diese „anderen“ Christen, sie sind selbstverständlich „lau geworden“, „haben die Welt liebgewonnen“. Ach so? Ja so. Mit Integrationsunfähigkeit und kulturellen Konflikten hat das alles doch nichts zu tun, oder?

Dienstag, 20. Oktober 2009

FREI

Die Letzte Hoffnung


P.S. Um eine gute Sicht auf die Zeichnung zu erhalten, einfach mal draufklicken...

Sonntag, 18. Oktober 2009

Wo bleibt der Zweifel?

Eine ganz prägende Erfahrung, die ich im Laufe meiner „Mennonitenzeit“ gemacht habe, war folgende: Der Zweifel ist böse. Es gibt bestimmte Hinweise in der Bibel, die diesen Gedanken in einer Gewissen Art und Weise unterstützen, dennoch war mir eigentlich immer klar, dass es so einfach nicht ist. Auf inhaltliche Feinheiten dieses Begriffes möchte ich jedoch keine Rücksicht nehmen, da es mir um etwas anderes geht, das auch schon in einem vorrangegangenen Artikel angerissen wurde (Kann es sein, dass (russlanddeutsche) Mennoniten totalitär denken?).

 

Ich behaupte, dass der Mensch ein Zweifler ist, ja sogar ein Zweifler sein muss. Die Welt, wie sie sich uns darstellt, erscheint oft uneindeutig und schwammig. Um weiterhin entscheiden zu können, muss diese Unsicherheit reduziert werden. Andersherum könnte man es Sicherheit nennen. Deswegen strebt ein jeder nach Sicherheit. Sicherheit als Begriff ist jedoch ein sehr weiter Begriff, weswegen er vielleicht etwas unnütz ist, aber ich meine damit ungefähr folgendes: ein Rückzugspunkt, an dem man seine Masken fallen lassen kann, an dem man das Gefühl der Geborgenheit spüren kann, egal was man tut. Klassische Beispiele für Sicherheitsgefühle können Liebe, Macht, Geld, Glaube etc. sein. 

 

Meine Erfahrung, auf die ich eingangs hingewiesen habe, war nun folgende: die Abwesenheit der Empfindung von Sicherheit wurde als Zweifel ausgelegt, demzufolge als böse (alleine hier wird schon ein logischer Fehler begangen). In einem Abwasch wurden jedoch verschiedene Arten des Zweifels abgetan: der intellektuelle Zweifel, der fragende Zweifel,  wie auch der Zweifel, der die Abwesenheit von Sicherheit vermuten lässt. Der Zweifel wurde sozusagen moralisiert. Einen „moralinfreien“ Zweifel gab es nicht. Das hat einige Konsequenzen, die in ihrer Reichweite unterschiedlich sind. Einerseits hat es die Konsequenz, dass der Einzelne versucht, seine Zweifel, nicht jedoch seine Unsicherheit, zu minimieren, um sich sozusagen abzusichern. Das darf ja jeder halten, wie er möchte, andererseits hat es die Konsequenz, dass der fruchtbare, der moralinfreie Zweifel  praktisch „verboten“ werden. Dieses Denkverbot führt nun dahin, dass der, der eine Ansicht, eine Entscheidung, was auch immer anzweifelt, sofort unter Generalverdacht steht, nicht nur diese eine Entscheidung anzuzweifeln, sondern das er ein grundsätzliches Problem hat. Der Zweifel ist sozusagen eine Art Indikator für einen „Fehler“ des Zweifelnden. Mit diesem Denkverbot wird nun keine Unsicherheit reduziert, sondern eine angemessene Art auf Unsicherheiten zu reagieren, verboten. Der Denkprozess, der eigentlich an dieser Stelle einsetzen sollte, wird vorher abgebunden. Das führt entweder zu Ignoranz oder noch mehr Unsicherheit, denn wenn die herkömmlichen Ideen und Ansichten nicht ausreichend überzeugen, was bleibt dem Einzelnen dann?


Viel Spaß beim darüber nachdenken!